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Oktober 2009

Freitag, 23. Oktober 2009

Warten

Willi stand an der Ecke, so dass für ihn Passanten aus den beiden sich kreuzenden Straßen schon von sehr weit sichtbar waren, und schlug mehrmals, in Gedanken zwar, da es andere an dieser belebten Ecke nichts anging, auf seine eigene Schulter, denn er war stolz, dass er eine so gute, vorteilhafte Position eingenommen hatte. Er hatte sich mit Adelheid Brottarbeit, die er von der Arbeitsstelle kannte, und nun, nach über zehn Jahren gelegentlichem Blickkontakt, oder Gruß, in der Flur, für den pflichtbewussten Mitarbeiter als ganz natürlich ansah, sie doch wenigstens einmal, und das war heute, zu einem Abentessen im Blauen Storch einzuladen. Dass sie ihre Getränke selbst zahlen musste, war eine Selbstverständlichkeit, und er fühlte sich auf sicherem Abstand. Sie haben acht gesagt, nur aus welcher Richtung sie kam, konnte Willi nicht wissen, da die Verabredung schon lange nach Dienstschluss gemacht war, nebenbei aus gutem Grund, und er nicht wusste, wo Frau Brottarbeit wohnt, oder ob sie überhaupt von Zuhause kommt, wenn er es denn gewusst hätte. Zudem war Frau Brottarbeit eine sehr tüchtige, zielbewusste und völlig selbständige Mitarbeiterin. Letzteres wäre zur Charakterisierung der meisten Sachbearbeiter hier in diesem Haus äußerst ungeeignet. Beim Mittagessen in einem Gespräch hatte Willi diese Information mitbekommen, das nicht direkt mit ihm geführt wurde, er sich jedoch als geduldet am Tisch vorkam, und daher auch die weitere Verwendung von Gesprächsteilen, die er hier in sein Gedächtnis aufgenommen hatte, als gerechtfertigt ansah.

Jetzt meinte Willi eine Frau in der Ferne zu erkennen, sie trug einen Minirock und hellbraune Lederstiefel, deren Silhouette der von Frau Brottarbeit ähnelte, konnte aber nicht mit völliger Sicherheit sagen, und das wollte er auch nicht riskieren, ob es sich tatsächlich so verhielt. Er wartete ab, bis die Frau näher kam, und konnte nun seine Annahme falsifizieren: Es handelte sich nicht um Frau Brottarbeit. Willi nahm diese Gelegenheit um auf die Uhr zu schauen, die nun zehn nach acht zeigte, und beschloss auch gleich, nicht länger als halb neun zu warten, obwohl er das schon als für sehr großzügig erachtete, und nur um Frau Brottarbeit zu der Verspätung gratulieren zu können, und zu sagen, dass er nun keine Zeit mehr habe, um zum Blauen Storch zu gehen, denn er müsse schon bald ins Bett, um morgen frisch bei der Arbeit zu sein. Natürlich wäre es gelogen, das wusste Willi. Aber irgendwie musste er eine so große Missachtung der Sitten ohne direkt zu sein deutlich machen. Es war klar, dass sie später kommen würde. Frau Brottarbeit lässt immer gerne auf sich warten. Willi war das schon aufgefallen, als sie einmal erst um viertel vor Zehn, anstatt um halb neun, wie alle Mitarbeiter, zum Dienst antrat. Er sitzt nicht im gleichen Raum mit ihr. Aber die Tür der Flur gibt beim öffnen ein zwar sehr leises, aber doch markantes, Geräusch von sich, an die er sich im letzten Jahrzehnt, seit Frau Brottarbeit die Stelle übernommen hat, die der damals verstorbene Bruno Blootsbath freigemacht hatte, sehr gut gewöhnen konnte. Kurz nach diesem Geräusch hörte er ihre entschuldigende Stimme im Nebenraum. Dieser Vorfall wiederholte sich monatlich mehrere Male, das konnte Willi aus seinen Notizen ersehen, jedoch war das der zeitlich extremste Fall. Willi war immer pünktlich, und noch mehr, er konnte es gar nicht verstehen, warum es für einige Leute so eine prinzipielle Unmöglichkeit darstellt, rechtzeitig zu kommen. Rechtzeitig bedeutet fünf, oder zehn Minuten später, aber nicht eine halbe, oder gar volle Stunde zu spät. Willi schaute noch einmal auf seine Uhr, schüttelte ablehnend den Kopf, schaute hoch und drehte den Kopf zu den beiden Straßen hin, wobei er seine Augen zuzog, so dass man seine Anstrengung klar erkennen konnte. Er machte auch beim Blick in jede der Richtungen eine kleine Pause, so dass er die kleinen Bewegungen in der Ferne auch erkennen konnte. Dann schaute er noch einmal auf seine Uhr, und ging nachhause.