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März 2006

Montag, 20. März 2006

Der Riss

In der Eile hob B. ein Netz voller Zwiebeln aus dem Gemüsekorb und missachtete absichtlich den weiten Riss am Netz, der schon zur Entnahme einiger Zwiebeln gemacht wurde. Er versuchte das Netz so zu drehen und zu halten, dass die Zwiebeln ob des weiten Risses nicht aus dem Netz fallen konnten. In der einen Hand hielt er Tomaten, so musste er auf sein Geschick vertrauen und mit der anderen Hand den Kunstgriff vollführen.

Er überlegte vorher, schon im Begriffe nach dem Netz zu greifen, und wägte ab, ob jenes Vorhaben mit Erfolg zu bestehen war. Jedoch überwiegte der Zeitdruck etwaigen Fehleinschätzungen der eigenen Fähigkeiten, er hob das Netz an und schon begannen die Zwiebeln sich übereinander zu wälzen, die ersten erreichten schon den weiten Riss und konnten sich aus dem Netz stehlen, die Anderen folgten fast ohne Verzögerung. B. reagierte darauf sofort mit dem Abbruch des Vorganges jedoch war das Netz schon zu weit in der Luft vom Korb weg, fast alle Zwiebeln kullerten jetzt auf dem Küchenboden in fast alle Richtungen, bevor er das Netzt, nun mit einer letzten Zwiebel, in den Korb zurückstellen konnte.

Montag, 20. März 2006

Stehenbleiben

S. ging einen Schritt vor, denn er befürchtete, ein Auto könnte zu nah an seinem Rücken vorbeifahren. Er stand mitten auf der Straße zwischen fahrenden, ohne Rhythmus laut aufsäuselnden Autos, die eilends auf zwei Fahrstreifen hinter ihm in die eine und auf den anderen zwei Fahrstreifen vor ihm in die entgegengesetzte Richtung auf einer breiten Straße in einem Vorort einer größeren Stadt fuhren.

S. wollte lediglich von der einen Straßenseite auf die Andere, wo das Geschäft, in dem er Besorgnisse zu erledigen hatte, sich befand. Jetzt stand er genau auf der Mitte der Straße und wartete, bis vor ihm die Bahn genügend freigeworden war, so dass er ohne Gefahr seine Überquer fortsetzen und beenden konnte.

Er wartete und hörte, wie die Autos sich näherten, ihr Fahrgeräusch stetig lauter wurde, bis zu einem Wendepunkt, ab dem das Geräusch in etwa dem selben Maß, wie es lauter, wieder leiser wurde. An diesem Wendepunkt befand sich das Auto zu ihm am nahesten Punkt. Es war ihm schon seltsam zumute, als er diesen Gedanken aufnahm, dass es einen Wendepunkt gibt. Denn einen Wendepunkt erkennt er, so überlegte er weiter, nur daran, dass das Geräusch erst lauter, dann aber wieder leiser Wurde. Die Autos müssen folglich unbedingt in ständiger Bewegung sein, sonst gibt es so einen Punkt nicht. Wie aber kann es dann sein, dass er, wenn er sich stark konzentrierte, diesen Punkt doch auf irgendeine Weise fassen kann? Ist ein Stillstand, an diesem Punkt? Bleibt die Welt an diesem Punkt denn einfach stehen?

Jetzt wurde es vor ihm frei, die nächsten Autos, die kamen, waren noch weit genug, und S. konnte die Straße zu Ende überqueren.

Montag, 20. März 2006

Die Mütze

Sie waren noch weit von Zuhause entfernt, und es war schon dunkel geworden, so dass man in jenem sturmartigen Regen nicht sehr weit sehen konnte. Sie erkannten die vor ihnen liegende Landstraße nur daran, dass die sie begleitende Baumreihe, die in der Entfernung immer dichter wurde, das bisschen Mondlicht so sehr in ihrem Inneren verschluckte. Ein die graue Landschaft durchziehendes schwarzes Band weiste die richtige Richtung.

“Warte, ich habe meine Mütze verloren, der Wind hat sie mitgenommen. Wahrscheinlich ist sie im Graben: als mir die Mütze vom Kopf gerissen wurde, habe ich gespürt, wo sie in etwa hingeflogen ist.”

Sie suchten die Mütze erst im seichten Graben neben der Straße, dann aber auch auf der Straße selbst. Je mehr sie suchten, um so ungenauer war ein möglicher, erst so sicher umschriebener Fundort zu vermuten, um so unwahrscheinlicher war es, dass die Mütze in der von Dunst noch mehr verfinsterten ohne hin schon finsteren Nacht noch einmal auftauchte. Der von Mal zu Mal stark aufheulende Wind hat sie womöglich längst weitergetragen.

“Warum hast du sie nicht festgehalten? Als der Wind aufkam, hättest du doch vorsehen müssen, dass sie dir möglicherweise vom Kopfe fliegt. Jetzt ist sie weg, und wir werden sie nie finden, es ist zu dunkel.”

Sie suchten noch ein wenig weiter, taten so, als könnten sie die Mütze gleich in Händen halten, über die Leichtigkeit zusammen lachen, und es für den Rest des Lebens merken, wie wichtig es ist, die Mütze in solch einem Wetter wenigstens in den von starkem Wind beherschenden Momenten festzuhalten.

“Komm, die Mütze finden wir nicht mehr. Wir sollten weiter, der Sturm wird immer schlimmer.”