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Donnerstag, 6. Januar 2005

Der Fährmann

Die Sonne war schon untergegangen, als ich an das Ufer trat, wo ich einem Fährmann hätte begegnen sollen. So haben mir es jedenfalls die Leute im letzten Dorf versprochen.

Suchst du mich? Hieß es plötzlich aus dem Schilf, und die Rohre sich teilend trat ein kleinwüchsiger aber kräftiger Mann hervor. Er hatte kurze, weiße Haare und keinen Bart. Sein Gesicht glühte. Er schaute mit zusammengezogenen Augen. Als ob er sie vor Licht oder Wind schützen müsste. Als ob er befürchtete, irgend etwas, ein Zweig oder ein Staubkorn, könnte hineinfliegen. Wahrscheinlich wartete er auf eine Antwort.

Ja, Sie müssen der Fährmann sein! Sagte ich also. Er sah sehr nach einem Fährmann aus. Wenn du so willst, bin ich das. Wenn ich so will? Dann ist er also nicht der richtige Fährmann. Wer ist denn der richtige? Und wer ist dann dieser Mann? Ich will, dass mich der richtige fährt. Ich will nicht von irgendeinem Fremden gefahren werden. Wo ist denn der Fährmann, also der richtige?

Junge, ich habe dir gesagt, dass ich der Fährmann bin. Einen richtigen Fährmann gibt es nicht. Jedenfalls hier nicht. Man ist ein Fährmann, oder man ist kein Fährmann. Und ich bin ein Fährmann, so!

Was willst du? Ich will hinüber! Sagte ich durch seinen Vortrag eingeschüchtert. Auf die andere Seite? Ja. Auf die andere Seite. Dann ist die Sache klar, mit welcher Hand schreibst du? Mit rechts. Gut, dann nehmen wir die linke, ich will ja nicht so sein. Die linke Hand? Was wollen Sie damit? Nein! Nicht die Hand! Hände haben wir jetzt genug. Die Niere. Wir brauchen Nieren. Und nach einer japanischen Studie des Arztes Lakamazu Mazda Hokanagu, der übrigens auch ein Fährmann war, um seine Forschungsarbeiten auch nach der großen Rezession finanzieren zu können, ist bei Rechtshändern die linke Niere, bei Linkshändern die rechte für die Qualität des Schriftbildes nicht verantwortlich. Entnimmt man dagegen zum Beispiel einem Rechtshänder die rechte Niere, so werden die Buchstaben ohne rechte Niere weiter auseinander gezogen sein, als mit der rechten Niere. Langzeitstudien fehlen. Dennoch: ich will nicht so sein. Doch wo war ich stehen geblieben? Ja, Lakamazu Volkswagen, ich meine, Mazda Hokanagu. Diese japanischen Autos sind schwer auseinanderzuhalten. Er hat sich also damals mit Organhandel über Wasser gehalten. Und das tu ich auch, obwohl ich kein Arzt bin. Aber ich habe gesehen, wie es gemacht wird. Schwer ist das nicht.

Wollen Sie etwa meine Niere? Du willst doch hinüber, denk ich. Ja, ans andere Ufer. Das kostet dich was. Oder siehst du hier eine Brücke? Und er legte einen Lacher ein, als ob seine Worte besonders lustig gewesen wären. Nein, aber… Aber was? Ich hänge an meiner Niere. Das kann ich gut verstehen! Jedoch kann ich dir bei bestem Willen nichts anderes anbieten. Wie gesagt, Hände haben wir genug. Meine Hand würde ich auch nicht hergeben. Das tut wenig zur Sache. Ich will die Niere. Verstehst du? Die Niere bleibt drin! Dann hoffe ich, du bist ein guter Schwimmer.

Das sind zwei Kilometer bis drüben. Junge, ich fahre die Strecke seit zwanzig Jahren. Mir musst du nicht erzählen, wie weit sie ist. Aber pass gut auf dich auf! Da sind Kreaturen im Wasser, die gerne mehr nehmen, als nur die Niere. Bitte, nun seien Sie doch ein Mensch! Ich muss da rüber!

Ich bin ein Mensch, und das kostet was, kapiert? Ich bringe dich hinüber, das habe ich dir gesagt. Aber Geschäft ist Geschäft. Na gut, nehmen Sie die Niere.

Als ich aufwachte fuhren wir schon und ich fragte ihn mit Schmerz überlagert und gesichtverzogen: Warum sind Sie Fährmann geworden? Ich bin froh, Junge, dass du das fragst. Ich bin Fährmann geworden, weil die Leute, die hinüberfahren, auch zurückfahren wollen, meistens. Mein Service ist gleichzeitig Kundenbindung. Und er paddelte mit fröhlichem Gesicht weiter.

Ich muss doch zurück. Eben, eben darum wirst du auch deinen rechten Lungenflügel hier lassen. Du hast keine andere Wahl. Und bei diesen Worten schaute er in die Ferne, immer mit seiner Art die Augen zu verengen, schaute ab und zu zu mir, und bei dem Allem paddelte er ganz gemächlich weiter. Keine wirkliche jedenfalls. Es kommt hier selten jemand vorbei, aber wenn jemand kommt, dann kommt er zweimal! Das ist mein Geschäft. Du kannst verhungern, oder spenden. Schon habe ich genug, um davon drei Monate leben zu können. Und plötzlich erstrahlte sein Gesicht. Ist das nicht wunderbar? Er schlug noch paar Mal die Paddel ins Wasser, und sagte dann wieder mit ernstem Gesicht und in ernstem Ton: Wenn du kein Fährmann bist, mein Junge, gehst du unter! So einfach ist das!