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Sonntag, 31. Oktober 2004

Das Geschäft

Wie ein ersaufendes Vieh, dass verzweifelt versucht, seinen Kopf, oder wenigstens sein Maul, über Wasser zu halten, um Luft zu haben, und jede Gelegenheit sich an irgend etwas festzuhalten ausnützte, was man an dem verkrampften, zuckendem Wedeln seiner Gliedmaßen feststellen konnte, so sah sich Herr Leider, einen kurzen Moment lang, als er sein Büro verließ; und nachdem der Schlüssel dazu sein Dienst für heute auch als erledigt ansah, versteckte Herr Leider ihn in seine Hosentasche, wobei er zugleich eine kurzfristig gesehen einmalige Gelegenheit fand, seine Hand gleich dort zu lassen, sie der Möglichkeiten zu berauben oder diese wenigstens einzuschränken , sie also irgendwie aus dem Spiel zu nehmen; zumindest für kurze Zeit.

Wie gewohnt schlug er die Richtung nachhause ein, und eilte die dunkle und noch nasse Straße, die nunmehr in ihre wohlverdiente Ruhe überging, entlang. Seine Schritte, die durch das Plätschern beim Schreiten durch Pfützen jetzt ihren hektischen Charakter preisgaben, hörte er jedoch kaum. Es war ihm, als hätte er jede Kontrolle über sich verloren, und hinkte eines Zieles entgegen, von dem er nicht genau wusste, was es war, und vielleicht auch gerade deswegen die Schritte immer schneller zu werden schienen. Als müsste er sich beeilen; als würde ihm irgend etwas fehlen; als hätte er irgend etwas unterwegs verloren; ja, irgendwo liegen lassen, ungewollt und versehentlich: im Bus vielleicht; oder in der Wartehalle eines Bahnhofs. Wie man eine Brieftasche liegen lässt, zum Beispiel, oder einen Terminkalender verliert es ist soviel möglich oder bei einem unvorsichtigen Blick in den Spiegel. Das scheint zwar weit hergeholt zu sein, aber so etwas kann durchaus nicht ausgeschlossen werden, denn man schaut oft in den Spiegel, um sich zu vergewissern, dass man noch da ist, und meint dann, sich gesehen zu haben. Dann ist es dahin, ist es nicht mehr da, das geht ganz schnell. Solche Sachen kann man auch bei einer Verhandlung mit einem Gegenüber, oder bei einem unüberlegtem Wort zum Nachbarn verlieren alles ist drin. Womöglich liegt es immer noch da, mutterseelenallein, und hält Ausschau nach seinem Besitzer. Vielleicht aber ist es schon viel weiter damit, etwa so:

Herr Leider, wo sind Sie nur? Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind, oder vielmehr, mit wem Sie es zu tun haben? Wäre ich zuhause geblieben, so wäre mir dieser ganze Zirkus, den Sie durch ihre unaufmerksame Schlamperei in die Wege geleitet haben, und somit einzig und allein Sie zu verantworten haben, erspart geblieben. Haben Sie überhaupt ein Gewissen? Sie wissen doch, was das ist. Denn wenn Sie etwas wissen, dann das, Herr Leider! Sehen Sie nun, was Sie angerichtet haben? Na Mahlzeit! Ich hoffe, es hat Ihnen geschmeckt. Ach hören Sie doch auf! Nein, nein, das läuft bei mir nicht, wie gerissen Sie das auch anstellen. Wissen Sie was, Herr Leider? Ich habe ehrlich gesagt auch gar keine Lust mehr auf Sie. Sie kommen mir schon an allen Ausgängen der Natur heraus. Mögen Sie mit noch so viel Ehrerbietung und Lobgesängen kommen, für mich ist das nur Heuchlerei. So, wie Sie jetzt sind, können Sie unmöglich bleiben. Sie möchten das Bestmögliche tun, sich bessern? Ja, das wäre genau nach Ihrem Geschmacke, nicht wahr? Und dann soll ich Ihnen noch was in die Stiefel stellen. Ha! Sie amüsieren mich, Herr Leider. Da können Sie noch so viele Verhaltensregeln und andere irrsinnige Dogmen aufstellen, mit mir, Herr Leider, ist das in einem Satz nicht zu nennen.

Ich zeige an, dass Sie, Herr Leider, mich verloren haben. Keine Angst, bestrafen werde ich Sie nicht. Das wäre doch sehr einfach, nicht wahr? Romantik ist jedoch nicht mein Gebiet. Zumal Sie sich schon selber bestraft haben, und sich, sage und staune, ohne Ihres Wissens mitten im Vollzug befinden. Und ich muss schon sagen, Herr Leider, fair find ich das nicht. Haben Sie denn kein Mitleid mit sich? Nicht, dass Sie sich bedauern, das sind zwei verschiedene Welten. Denn solange Sie das tun, solange Sie den Spaten, den Sie von Generation zu Generation weitergeben, mit dem Sie frische Erde über den stinkenden Müll häufen, und Ihre betrogenen Blumen, denen Sie diesen Jammerberg zumuten, tagtäglich anbeten, dass sie um Gottes Willen nicht verwelken mögen, nicht endlich und endgültig wegwerfen, werden Sie nie die lebensgefährliche Lage, in der Sie sich nunmehr befinden, verstehen. Graben Sie! Herr Leider, graben Sie! Erst dann haben Sie die Möglichkeit anzupacken, oder auch nicht. Das liegt dann letztendlich an Ihnen. Ich würge Sie nicht, Herr Leider. Es ist auch nicht die Tatsache, die Sie lähmt. Vielmehr ist es Ihre eigene, wohlgemerkt geheuchelte Unfähigkeit, Ihr kindisches Benehmen.

Seien Sie doch einmal ehrlich und aufrichtig, was ist das da für ein Algorithmus, den Sie sich zurechtgelegt haben, wie man eine Schablone benutzt, um zu Weihnachten etwas Hübsches für Mutti zu malen. Wissen Sie jetzt, was ich mit Heuchelei meine? Hören Sie mir überhaupt noch zu, Herr Leider? Ich rede mit Ihnen! Ich rede andauernd, jeden Abend, wenn Sie Ihren Weg nachhause antreten, halte ich Ihnen diesen Vortrag. Aber Sie hören mich nicht, wie Sie ihre Schritte auch nicht hören. Sie hören gar nichts! So kommen wir nicht ins Geschäft, und Sie, Herr Leider, wie auch ich, können ergebnislos einpacken. Wie wir es immer getan haben. Sie erbrechen ein Gebet nach dem anderen, häufen Opfer auf Opfer, und trauen sich nicht einmal Ihre stille Frage, die Sie zu Tode quält, zu formulieren, denn Sie fürchten ja die Hölle. Aber der Witz an der Sache ist und es ist zum heulen es ist die Hölle, in dem Sie sind, wenn Sie mal der Sache auf den Grund gehen. Doch Sie möchten nicht in der Hölle sein. Und der Himmel ist fern. So fern, wie der Tod. Gut haben Sie sich das gemerkt! Wenn Sie den Himmel erreichen wollen, so müssen Sie sich anstrengen, nicht wahr? Und so werden Sie immerfort beten, opfern, was das Zeug hält, sich mehr und mehr bestrafen, und somit nur noch mehr Unheil anstiften. Jedoch wenn Sie tot sind, müssen Sie sich nicht mehr anstrengen, ist es nicht so? Das ist eine bemerkenswerte Konsequenz. Da ist etwas, das betet, und etwas, das angebetet wird. Da ist etwas, das opfert, und etwas, dem geopfert wird. Sie sind dort und ich bin hier. Wenn Sie tot sind, wer soll dann noch beten. Wenn Sie tot sind, wer soll dann noch opfern? Wenn Sie tot sind, bin ich nicht mehr dort, so einfach ist das. Wenn Sie aufhörten sich anzustrengen, diesen ewigen Kampf zu kämpfen, diesen Krieg gegen sich selbst und andere Mitmenschen zu führen, würden Sie stillstehen, Sie wären tot, nicht wahr? Und das ist Mitleid. Dort kann das Leben beginnen. Aber Sie wollen nur leben, Sie wollen leben und nicht sterben. Das ist ein Hohn und ein Spott gegenüber der Natur, der Logik; und geht auf Kosten der Menschheit, und letztendlich auf Ihre. Denn Sie sind das Gebet, dass sie beten, sind das Opfer, das Sie opfern. Sie sind der Tod, den Sie sterben müssten. Was Sie nicht wollen, sind Sie selbst. Sie wollen sich selbst nicht. Darum darben Sie.

Das Maß ist voll, Herr Leider. Nichts geht mehr. Was machen wir da? Wir zwei Spezialisten? Wenn Sie sich nicht bewegen, Herr Leider, können Sie kaum von mir verlangen, dass ich mich bewege. Denn zwischen uns liegen Welten, darüber sind wir uns nunmehr einig. Doch haben wir ungemein viel miteinander zu tun. Es kostet Sie nichts, ich wiederhole, nichts, eine ehrliche Bewegung zu machen, und ich bin auf der Stelle bei Ihnen. Und im Gegenteil gewinnen Sie viel an diesem Geschäft. Doch lassen Sie uns nicht in Romantik versinken und ersaufen. Stellen Sie mich auf die Probe, ob ich nicht irgendein dahergekommener Betrüger bin! Um die Sache zu ergründen aber, müssen Sie ein Frühaufsteher sein, denn das ist kein Kinderspiel. Es ist Lebensgefährlich, im wahren Sinne des Wortes, und daher Todernst.

Einen Augenblick blieb Herr Leider stehen, drehte sich kurz um, und wieder zurück, dann schaute er nach vorne, und richtete sogleich seinen Blick auf die Pfütze vor ihm, in dem der Mond sich spiegelte. Er hörte, wie sein Atem ging, sein Herz klopfte, ja sogar seine Schritte meinte er gehört zu haben, obwohl er jetzt stillstand. Es war aber nicht der Mond, denn der Himmel war voller dicker Wolken, es war eine Straßenlaterne, das wusste er jetzt. Auf einmal entspannte sich Herr Leiders Gedankengeplagtes Gesicht, er konnte ein Schmunzeln nicht verkneifen, und dann lachte er mit lauten Stößen auf, dass die ganze Straße nachklang. Er lachte über sich und seine Torheit, das Spiegelbild des Mondes mit dem der Straßenlaterne verwechselt zu haben. Und ohne zu zögern sprang er in die Pfütze vor ihm, dass das dreckige Wasser rundherum in Augenhöhe aufspritzte, und Herr Leider wie ein Gassenjunge aussah. So ging er dann nachhause. Und wenn jemand, der Herr Leider gut kannte, erstaunt fragte, wie er denn in Gottes Namen so zugerichtet worden sei, sagte er: Ich bin in eine Pfütze gesprungen, dass das dreckige Wasser rundherum in Augenhöhe aufspritzte.