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Mittwoch, 13. Oktober 2004

Der Aufzug

Dann müssen wir eben warten, sagte ich, da ich ein Gespräch, in diesem traurigen Regen, bei dem ich, und die andere Person auch, hier in dem überdachten Wartehaus der Haltestelle vorerst bleiben musste, einem Schweigen vorzog.

Meine Gründe hierfür kamen aus Erfahrung. Letzte Woche war ich ähnlichen Umständen ausgesetzt. Damals war es keine Haltestelle. Es war ein Aufzug, der uns unmittelbar machte. Damals habe ich nichts gesagt. Die Stille, die uns umhüllte, war unerträglich. Es ist mir klar, wie nutzlos eine Konversation zwischen Erdgeschoss und sechter Obergeschoss ist. Viel kann man ja in den, sagen wir mal, neunzig Sekunden nicht austauschen. Zwischen den gemachten Äußerungen ginge jedes Schweigen, das auf der Ebene einer solchen Begegnung unerlässlich wäre, um Fragen oder Bemerkungen seinem Gegenüber anzupassen, erbarmungslos von der Zeit ab. Die damit verbundene Ungeduld würde es einem fast unmöglich machen, diese Pausen Sinnvoll zu nutzen. Man würde aber die Pausen, eben wegen der knappen Zeit, nicht in die Länge ziehen wollen, die also ein ausreichendes Überdenken der abzugebenden Äußerungen möglich machen würde. Und somit wären die Fragen oder Bemerkungen hörbar unreif. Das wiedrum führte zu Missverständnissen, die immer Tiefer würden. Das sind die Gründe, weswegen ich damals geschwiegen habe. Jedoch wurde mir kurz nach verlassen des Aufzuges klar, aufgrund der Erleichterung, die zu leugnen sehr unehrlich gewesen wäre, dass ein paar Worte Sinnvoll gewesen wären.

Diese Worte hätten die Bereitschaft zur Offenheit signalisiert, worauf es doch letztlich bei solchen Beziehungen ankommt. Es geht ja bei ihnen nicht darum, zu zeigen, wie klug man sei. Es geht nicht darum, anzudeuten, wie man sein Leben gestalte, wie wortgewandt und spontan man sei, wie viele Verdienste man der Gesellschaft gebracht habe, wie viel man ihr noch bringen könnte. Kurz gesagt, die Argumentation, wie vorteilhaft eine Beziehung, ob auf rein geschäftlicher, freundschaftlicher oder gar verwandschaftlicher Ebene sein könnte, wäre nicht angezeigt. Vielmehr wäre die Beziehung durch die einfache Tatsache von unschätzbarem Wert, dass beide in dem selben Aufzug fahren, beide etwas vorhaben, das seinen Schnittpunkt im Aufzug hat. Das beide also in ihm einen gemeinsam vertretbaren Sinn sehen, und sich dessen nicht schämen. Jedoch wenn die Beziehung nicht zustande kommt, muss man eine Trennung aufbauen. Eine Mauer, die beruhigt und vortäuscht, einem Fremden gegenüberzustehen. Man baut die Mauer schnell auf, indem man Vorurteile zurecht legt, mit dem man die andere Person begreiflich machen kann, und auch die eigene mit Rechtfertigungen verteidigt. Es ist ein Krieg, indem man sich dann befindet. Ein Krieg zwischen der Tatsache, dass ein Eindringling sich in bedrohlicher Nähe befindet, und sich selbst, der mit diesem Eindringling nichts zu tun haben, ihn am liebsten gar nicht mehr sehen möchte, und angestrengt den Boden anstarrt. Ein erleichtertes Gefühl hat man dann, wenn man endlich den Aufzug verlässt, und den Krieg somit beendet.