Samstag, 1. Februar 2003
Der Lachweltmeister
Endlich haben wir wieder einen Lachweltmeister. Aus dem ganzen Land kamen Lachathleten herbei. Sie lachten einfach über alles.
Es wurde immer und jederzeit aus vollem Halse gelacht. So laut, dass einem dabei das Gewissen in die Füße rutschen konnte. Es waren richtige Lachgranaten.
Und nun wurde er bestimmt, der Lachweltmeister. Der Lachweltmeister war ein toller Kerl. Er war zum Beispiel besonders lustig veranlagt. Durch sein ewiges Gelächter wurde man auf ihn aufmerksam. Er lachte über Sachen, die eigentlich gar nicht lustig zu sein schienen; aber wenn der Lachweltmeister es vormachte, kam das Lustige an dieser Sache zum Vorschein, und alle lachten mit feuchten Augen mit:
Einmal traf es sich, dass ein Athlet einen Mann vorbeikommen sah, der eigentlich nichts Lustiges an sich hatte, und sich also ruhig verhielt. Es gab keinen Anlass zum Lachen. Doch der Lachweltmeister, damals noch ein gewöhnlicher Lachathlet, schlug seinem Kollegen mit der rechten Hand auf die Schulter, und krümmte dann ruckartig seinen Rücken, hob sein rechtes Bein ein wenig an, und presste die Luft durch seinen geschlossenen Mund, dass auch Speicheltröpfchen heraus spritzten. Auf der Stelle begann sein Kollege mitzulachen, weil sein Gewissen und seine Nächstenliebe es ihm so befahlen. Sie alle beide lachten herzhaft und erfreuten sich des Anblickes. Der Vorübergehende war sichtlich irritiert, er drehte seinen Kopf zur Seite, runzelte seine Stirn und zog die Augenbrauen hoch, und öffnete halb seinen Mund, als ob er etwas Wichtiges sagen wollte, aber es eben nur wollte, seinen Mund wieder verschloss, und gleichzeitig verstörten Blickes seinen Kopf nach vorne richtete, während er mit langen Schritten weiterging. Und die beiden anderen lachten darauf noch lauter, noch gewissenhafter, noch herzhafter auf. So wurde der angehende Lachweltmeister immer sympathischer.
Solch ein Zwischenfall wiederholte sich nun des Öfteren, also war der, der ausnahmslos in jeder Sache, und in noch so traurigen Angelegenheiten andere zum Lachen bewegen konnte, der Lachweltmeister. Alle waren froh und glücklich über ihn. Sie bildeten eine Vereinigung und ernannten den Lachweltmeister zu ihrem Oberhaupt. Die Vereinigung trug den erschreckend deutlichen Namen: Lachpartei. Sie verehrten den Lachweltmeister, weil er immer lustig war, und immer etwas zum Lachen fand.
Besonders einschlägig war die Begebenheit, als ein Athlet am Boden zerstört war. Der Athlet, seine Freunde und seine Bekannten waren endlos traurig. Sie weinten, weinten den ganzen Tag und die ganze Nacht. In ihrer Not wussten sie sich nicht zu helfen, und riefen also den Lachweltmeister herbei, um endlich Abhilfe zu schaffen. Der Lachweltmeister zögerte nicht, und kam. Er schlug ihnen mit der rechten Hand auf die Schulter, und krümmte dann ruckartig seinen Rücken, hob sein rechtes Bein ein wenig an, und presste die Luft durch seinen geschlossenen Mund, dass auch Speicheltröpfchen heraus spritzten. Auf der Stelle hob die gesamte Schar zum Lachen an. Sie lachten aus voller Kehle bis tief in die Nacht und noch am Tag, dass sie fast die Stimme verloren. Sie wussten nicht, wie sie plötzlich so munter wurden, das war ihnen auch ganz gleichgültig. Es war eine traurige Zeit und sie waren heilfroh, einen Meister und Führer zu haben. Sie waren Stolz auf den Lachweltmeister, und auf seine Fähigkeit, alles auf eine lustige Seite zu wenden.
Und nun konnte sich kaum noch einer vor Lachen zurückhalten. Es war so lustig. Wenn eine Person sehr dick war, zum Beispiel; oder wenn sie ein langes spitzes Kinn hatte und dazu auch noch hinkte; wenn jemand einen großen, schwarzen Schnauzbart hatte (man hat eigens Besserungsanstalten für solche lächerlichen Gestalten eingerichtet); wenn jemand eine ungewöhnlich große Brille trug, und diese auf einer ungewöhnlich langen, großen Nase auflag (große Nasen waren beliebtes Lachmaterial); man liebte es auch, Lachobjekte ausfindig zu machen und als “Lacher der Nation” zu kennzeichnen, und sie in Lachlager zu verschleppen, wo sie dann so richtig totgelacht wurden. Und so weiter und so fort.
Alles lachte, ob jung oder alt, kein Unterschied wurde gemacht, denn lachen kann jeder. Sogar diejenigen wurden gezwungen auch zu lachen, über die zu Anfang selbst noch gelacht wurde. Ob sie es aus schlechtem Gewissen taten oder nicht, galt dem Lachweltmeister gleich. Ihm ging das Lachen über alles, und alle machten mit ihm eine Sache, denn er war der Lachweltmeister. Und alle, die nicht lachen wollten, wurden ausgelacht. Es war total lustig.
Das war aber lang her, der Lachweltmeister ist tot, und man hat es fast schon vergessen, denn es ist unangenehm, wenn Leute einen fragen, was es denn da zu lachen gab, und man darauf keine Antwort findet.
Und so kommt das Lachen immer mehr wieder in Mode. Man sagt, der Witz läuft nun nicht mehr außen herum, sondern liegt vielmehr im Inneren, und will uns alle zum Traurigen bekehren, so dass alle Länder der lustigen Welt zusammenhalten müssen, um die Pointe zu finden, um ihn, den Witz, auszulachen. Man muss immer auf der Hut sein, denn der Witz lauert überall.
Und wenn wieder mal nichts zum Lachen ist, wird der Lachweltmeister gerufen. Er bringt alle wieder zum Lachen, dass nur so die Augen tropfen.
Und ich muss euch gestehen, ich bin froh, dass es wieder einen Lachweltmeister gibt, wenn er denn auch noch lange nicht so originell ist, wie der alte. Aber Übung macht den Meister.
Denn wo wäre der Witz, wenn keiner Lachen würde?